Jihad: Eines der am häufigsten missverstandenen Konzepte im Islam

Von M. Amir Ali, Ph.D.

„Islam“ und einige islamische Bezeichnungen und Konzepte werden im Westen in grober Weise falsch verstanden. Die Muslime können die Schuld dafür nur sich selbst geben, weil viele (a) in heutiger Zeit nicht mehr nach den islamischen Grundsätzen leben und (b) verpasst haben, ein Verständnis für den Islam im Westen mit geeigneten Projekten zu propagieren. Dieser Text soll einen bescheidenen Versuch darstellen, die im Titel erwähnten Themen kurz und bündig zu erklären. Das „Institute of Islamic Information & Education“ (III&E) (Institut für islamische Information und Bildung) hat fast 50 Broschüren sowie einige Artikel veröffentlicht, um das Verständnis für den Islam sowohl unter Muslimen als auch unter Nicht-Muslimen gleichermaßen voranzutreiben. Bitte wenden Sie sich an den III&E oder besuchen Sie deren Internetseite, um weitere Informationen zu erhalten.

Einige islamische Ausdrücke

Islam: Bekenntnis zu einem Leben in Frieden, indem man sich dem Willen Gottes (Allah´s) ehrerbietig unterordnet.

Muslim: Person, die sich zu einem Leben in Frieden bekennt, indem sie Allah dient.

Jihad: „Abmühen“ und „Anstrengen“ um böse Gedanken, schlechte Taten und Aggressionen gegen eine Person, eine Familie, eine Gesellschaft oder ein Land zu überwinden. Bei Jihad mag es sich um einen „gerechtfertigten Krieg“ im Sinne des christlichen Terminus handeln.

Mujahid: Person, die den Jihad auf dem Wege Allahs unternimmt, nach den Vorschriften des Korans (die muslimische Quelle für Rechtleitung) und der Sunna (die Lehren des Propheten Muhammad (Friede und Segen auf ihm). Mujaheddin ist der Plural von Mujahid.

„Islamischer Terrorismus“: Es gibt einen solchen Ausdruck oder Terminus in den Islamischen Quellen des Koran und der Sunna nicht und daher hat er keinen Platz im Islam.

Sunnah: Der bevorzugte Weg des Propheten Muhammad (Friede und Segen auf ihm), der seine Lehren einbezieht. Die Quellen für die Sunnah sind die authentischen Sammlungen der Ahadith (Singular: Hadith) (Dies sind Aufzeichnungen über die Aussprüche, Taten und Billigungen des Propheten).

Die wirkliche Bedeutung von „Jihad“

Jihad wird normalerweise sofort mit Islam und Muslimen in Verbindung gebracht, obwohl das Konzept des Jihad in allen Religionen zu finden ist, einschließlich des Christentums, Judentums und politischen oder ökonomischen Ideologien wie der des Kapitalismus, Sozialismus, Kommunismus, usw. Islam definiert Jihad als Abmühen und Anstrengen, um Verbesserungen zu erreichen, wie auch um zur Selbstverteidigung zurückzuschlagen, um Ehre, Hab und Gut und das Heimatland zu verteidigen. Jihad ist folglich als Kampf gegen das Böse zu verstehen, sowohl innerhalb als auch außerhalb eines Individuums und einer Gesellschaft. Jihad im Islam meint alle Taten und ist nicht auf die folgenden beschränkt:

Islam zu lernen, zu lehren und zu praktizieren in allen Lebenssituationen und zu jeder Zeit, um die höchste und beste Bildung zu erlangen, um daraus Nutzen für sich selbst, für die eigene Familie und für die Gesellschaft zu ziehen.

Ein Bote des Islam zu sein, überall, in jedem Verhalten und jeder Handlung.

Böse und falsche Handlungen zu bekämpfen und Gerechtigkeit mit ganzer Kraft durchzusetzen: mit der eigenen Hand (Taten), der eigenen Zunge (Worte) und vor allem mit dem eigenen Herz (Gebet).

Auf den Aufruf zum Jihad zu antworten, indem man Spenden, Fleiß, Weisheit und das eigene Leben gibt. Dabei niemals gegen einen muslimischen Bruder, ein muslimisches Land zu kämpfen oder gegen eine nicht-Muslimische Gesellschaft, die die Verträge einhält und keine Handlungen gegen den Islam und die Muslime unternimmt.

Selbstmord steht in keinem Zusammenhang mit dem Jihad des Islam in Verbindung.

Menschen mit Gewalt dazu zu bringen, zum Islam zu konvertieren ist niemals Inhalt des Jihad sondern ein Verbrechen das durch das Gesetz bestraft werden kann.

Das Konzept, dass muslimische Männer aufbrechen, um sich selbst zu töten um „70 tanzende Jungfrauen“ im Paradies zu erhalten ist naives Denken.

Was wirklich hinter der Sache steckt sind die „Gefährten des Paradieses“, von denen erwähnt wird, wie rein sie sind und wie weit entfernt von Allem, was wir uns auf der Erde vorstellen können, so dass wir sie uns „jungfräulich“ vorstellen und „unberührt“ von Männern oder Teufeln.

Die Worte „ewige Jungfräulichkeit“ sollten dem Leser – selbst im Deutschen – die Vorstellung etwas auf Erden unvorstellbaren geben.

Im Arabischen kann die Bedeutung dieser Worte auf nichts anderes als auf die Unschuld und Reinheit dieser Gefährten hinweisen.

Die Stufen des Jihad

Ein persönlicher Kampf mit dem eigenen Selbst, um sich Allah (t) zu unterwerfen. Der Kampf gegen das Böse in sich selbst, um höhere Moral und bessere Bildung zu erlangen – der innere Jihad.

Jihad gegen das Böse, die Ungerechtigkeit und Unterdrückung in sich selbst, der Familie und der Gesellschaft – Sozialer Jihad.

Jihad gegen Alles, was einen Muslim von der Hingabe an Gott (Allah) abhält, was die Menschen davon abhält, den Islam kennenzulernen, zur Verteidigung einer muslimischen Gesellschaft (eines Landes), Vergeltung für Tyrannei und/oder gegen die gewaltsame Vertreibung von Muslimen aus ihren Heimatländern – Physischer Jihad oder bewaffneter Kampf.

Der Koran definiert den Physischen Jihad als die höchste Stufe des Jihad, die ein Mensch unternehmen kann. Die Belohnung dafür ist die Ewigkeit im Paradies. Muslimen ist auch bewusst, dass die Menschen für alles, was sie in ihrem Leben auf der Erde getan haben zur Rechenschaft gezogen werden. [Die Menschen] werden am Tag des Jüngsten Gerichts befragt werden, was sie in ihrem Leben getan haben und über die Stufe, auf der sie Allah (t) gedient haben.

Ist Jihad „Heiliger Krieg“?

Im Islam gibt es so etwas wie einen heiligen Krieg nicht. Diese Terminologie ist eine europäische Erfindung aus der Zeit der Kreuzzüge und der Kriege gegen die Muslime. Der Islam erkennt Juden und Christen als „Leute des Buches“ an, da sie alle dem Propheten Abraham folgen und an die Lehren Mose und Jesu glauben. Viele Jahrhunderte lang lebten Muslime friedlich mit Christen, Juden und Menschen anderer Glaubensvorstellungen zusammen und pflegten mit ihnen soziale, wirtschaftliche, politische und ökonomische Beziehungen. Der Islam respektiert alle Menschen und Glaubensrichtungen, solange es keine Religiöse Unterdrückung gibt, Muslime nicht vom Glauben an Allah (t) abgehalten werden, Andere nicht daran gehindert werden, über den Islam zu lernen und Verträge nicht übergangen werden. Wenn Sie mehr Informationen über dieses Thema erhalten möchten, empfehlen die Herausgeber dieses Artikels die Broschüre „Jihad Explained“ (Jihad erklärt), Broschüre Nr.18 des III&E.

Wer ist befugt, den Jihad als Krieg auszurufen?

Der Jihad muss gemäß den islamischen Regeln und Vorschriften ausgeführt werden, Allein um Allah´s (t) Willen und um Ihm zu dienen. Der physische oder militärische Jihad muss von einer muslimischen Autorität ausgerufen werden, etwa dem Präsidenten oder dem Regierungschef eines Landes, nachdem er sich mit der religiösen Führungsschicht ausreichend darüber auseinandergesetzt hat.

Was sagt Islam über Terrorismus?

Der Ausdruck „Terrorismus“ existiert nicht im Koran oder in den Lehren des Propheten Muhammad (Friede und Segen auf ihm). Wenn die Ausdrücke „Terrorist“ oder „Terrorismus“ von einem Verb abgeleitet werden können, das im Koran steht, wie in Sura 5:331, wo die terroristischen Aktivitäten eines „Muslims“ beschrieben werden, handelt es sich hierbei um eine Verurteilung, die die schwerstmögliche Strafe beschreibt. Der Islam ist eine Religion und eine Lebensweise, die Politik nicht von Religion trennt. Der Islam ist eine Religion der Gnade, der Einheit und vor Allem des Friedens – sowohl mit sich selbst, als auch mit Anderen – der Verteidigung und nicht des Kampfes. Allah (t) sagt in ungefährer deutscher Übersetzung in seinem Buch, dem Koran:

„Allah verbietet euch nicht, gegenüber denjenigen, die nicht gegen euch der Religion wegen gekämpft und euch nicht aus euren Wohnstätten vertrieben haben, gütig zu sein und sie gerecht zu behandeln. Gewiss, Allah liebt die Gerechten.“  [Koran 60:8]

„Und kämpft auf Allahs Weg gegen diejenigen, die gegen euch kämpfen, doch übertretet nicht! Allah liebt nicht die Übertreter.“ [Koran 2:190]

„Und wenn sie sich dem Frieden zuneigen, dann neige auch du dich ihm zu und verlasse dich auf Allah! Gewiss, Er ist ja der Allhörende, der Allwissende.“ [Koran 8:61]

„Und der Hass, den ihr gegen (bestimmte) Leute hegt, soll euch ja nicht dazu bringen, dass ihr nicht gerecht handelt. Handelt gerecht. Das kommt der Gottesfurcht näher. Und fürchtet Allah. Gewiss, Allah ist Kundig dessen, was ihr tut.“ [Koran 5:8]

„Die Vergeltung für eine böse Tat ist etwas gleich Böses. Wer aber verzeiht und Besserung bringt, dessen Lohn obliegt Allah. Er liebt ja nicht die Ungerechten.“ [Koran 42:40]

„Nicht gleich sind die gute Tat und die schlechte Tat. Wehre mit einer Tat, die besser ist, (die schlechte) ab, dann wird derjenige, zwischen dem und dir Feindschaft besteht, so, als wäre er ein warmherziger Freund.“ [Koran 41:34]

Einige der Lehren des Propheten Muhammad (Sunnah)

Er verbot muslimischen Soldaten, Frauen, Kinder und ältere Menschen zu töten. Außerdem verbot er, eine Palme umzuschneiden und wies sie an: „Betrügt nicht, übertreibt nicht, tötet keine neugeborenen Kinder.“

„Wer auch immer eine Person tötet, die einen Vertrag mit den Muslimen hatte, wird den Duft des Paradieses nicht riechen, und das obwohl sein Duft bis zu einer Entfernung von 40 Jahren zu riechen ist.“

„Die erste Tat, die unter den Menschen am Tag des Jüngsten Gerichts verhandelt werden wird ist die der Blutschuld.“ Das Töten ist die zweitgrößte Sünde im Islam.

„Wahrhaft, euer Blut, euer Eigentum und eure Ehre sind unverletzlich.“

„Es gibt einen Lohn für Freundlichkeit, die jedem lebenden Tier oder Menschen zuteil wird.“

Islam und Menschenrechte

Der Koran und die Sunnah bestärken Muslime, das Leben und das Eigentum eines Jeden zu respektieren.

In einem Islamischen Staat werden diese Rechte hochgehalten, egal ob eine Person Muslim ist oder nicht.

Islam schützt die Ehre und verbietet, dass man sich über Andere lustig macht oder sie beleidigt.

Im Islam erfährt kein Individuum und keine Nation eine Bevorzugung aufgrund ihres Reichtums, ihrer Macht und/oder ihrer Rasse.

Jeder Muslim glaubt, dass Allah (t) alle Menschen frei und gleich geschaffen hat und dass sie sich voneinander nur unterscheiden aufgrund ihrer Gottesfurcht und ihrer Frömmigkeit und niemals aufgrund ihrer Rasse, Farbe oder Ethnie.

Islam ist eine praktisch orientierte Religion, die alle Menschen respektiert und die für die ganze Menschheit herab gesandt wurde.  Seine Botschaft ist die des Friedens und der Hinwendung zu Allah (t). Muslime glauben an alle Propheten, die in der Bibel und im Koran erwähnt werden. Der Koran hat viele moralische Lehren mit dem Alten und dem Neuen Testament gemein. Diese drei Religionen (und ihre Schriften) wurden aufgrund der Offenbarungen des Einen Einzigen Gottes, Allah´s begründet. Wenn Sie mehr Informationen über dieses Thema erhalten möchten, empfehlen die Herausgeber dieses Artikels die Broschüre „Human Rights in Islam“ (Menschenrechte im Islam), Broschüre Nr.7 des III&E.

Jihad in der Bibel

Lassen sie uns betrachten, was die Bibel über den Jihad im Sinne von Krieg und Gewalttätigkeit beinhaltet. Die folgenden Verse sind aus der Bibel (Lutherbibel 1912)

„Die Zauberinnen sollst du nicht leben lassen. Wer bei einem Vieh liegt, der soll des Todes sterben. Wer den Göttern opfert und nicht dem HERRN allein, der sei verbannt.“ [Exodus 22:18-20]

„Und er sprach zu ihnen: So spricht der HERR, der Gott Israels: Gürte ein jeglicher sein Schwert um seine Lenden und durchgehet hin und zurück von einem Tor zum andern das Lager, und erwürge ein jeglicher seinen Bruder, Freund und Nächsten. Die Kinder Levi taten, wie ihnen Mose gesagt hatte; und fielen des Tages vom Volk dreitausend Mann.“ [Exodus 32:27-28]

„Und der HERR redete mit Mose und sprach: Räche die Kinder Israel an den Midianitern, daß du darnach dich sammelst zu deinem Volk. Und sie führten das Heer wider die Midianiter, wie der HERR dem Mose geboten hatte, und erwürgten alles, was männlich war.[…] Dazu die Könige der Midianiter erwürgten sie samt ihren Erschlagenen, nämlich Evi, Rekem, Zur, Hur und Reba, die fünf Könige der Midianiter. Bileam, den Sohn Beors, erwürgten sie auch mit dem Schwert. Und die Kinder Israel nahmen gefangen die Weiber der Midianiter und ihre Kinder; all ihr Vieh, alle ihre Habe und alle ihre Güter raubten sie, und verbrannten mit Feuer alle ihre Städte ihrer Wohnungen und alle Zeltdörfer. Und nahmen allen Raub und alles, was zu nehmen war, Menschen und Vieh […]Und Mose ward zornig über die Hauptleute des Heeres, die Hauptleute über tausend und über hundert waren, die aus dem Heer und Streit kamen, und sprach zu ihnen: Warum habt ihr alle Weiber leben lassen? […] So erwürget nun alles, was männlich ist unter den Kindern, und alle Weiber, die Männer erkannt und beigelegen haben; {~}  aber alle Kinder, die weiblich sind und nicht Männer erkannt haben, die laßt für euch leben.“ [Numeri 31:1-18]

(und Jesus sprach) „Doch jene meine Feinde, die nicht wollten, daß ich über sie herrschen sollte, bringet her und erwürget sie vor mir.“ [Lukas 19:27]

„Da sprach er (Jesus) zu ihnen: Aber nun, wer einen Beutel hat, der nehme ihn, desgleichen auch die Tasche; wer aber nichts hat, verkaufe sein Kleid und kaufe ein Schwert.“ [Lukas 22:36]

Unterschiedliche Behandlung

Muslime sind Anhänger einer Religion des Friedens, der Gnade und der Vergebung. Wenn ein einzelner Muslim einen terroristischen Akt unternimmt, macht er sich gegen die absoluten Grundlagen des Islam schuldig.

Als Timothy McVeight das Stadtgebäude von Oklahoma in die Luft jagte, wurde kein Amerikaner oder Christ als Terrorist abgestempelt und es wurde auch keiner zum Opfer von Hass-Verbrechen. Wenn irische Christen terroristische Anschläge gegeneinander und gegen die Britischen Inseln verüben, wird der christlichen Religion nicht die Schuld gegeben, sondern den Individuen und ihren politischen Ansichten. Unglücklicherweise trifft dies nicht auf amerikanische Muslime und Araber zu. Obwohl die große Mehrheit von Muslimen oder Arabern nichts mit Gewalt zu tun hat, wird der Islam ständig mit Terrorismus in Verbindung gebracht. Dies ist ein Unrecht 1,5 Milliarden Muslimen und der Religion des Islam gegenüber.

Kriterien für Schuld

 In dubio pro reo (im Zweifel für den Angeklagten) ist neben der Freiheit eine allgemein akzeptierte Regelung der Gerichtsbarkeit für die ganze Menschheit. Jedoch misslang es den USA, die gleichen Prinzipien für Nicht-Amerikaner gültig zu machen. Im Gegenteil, die USA verhandeln die Fälle von Arabern und Muslimen vor geheimen Militär-Tribunalen, da die mangelnden Beweise für eine öffentliche Verurteilung nicht ausreichen würden.

Möge Allah (t) uns alle schützen und unsere Herzen von Missverständnis, Böswilligkeit, Hass und Zorn befreien.

 

1(Anmerkung des Übersetzers): Die genannte Koranstelle lautet nach der ungefähren Übertragung der Bedeutungen ins Deutsche von As-Samit und Bubenheim: „Der Lohn derjenigen, die Krieg führen gegen Allah und Seinen Gesandten und sich bemühen, auf der Erde Unheil zu stiften, ist indessen (der), dass sie allesamt getötet oder gekreuzigt werden, oder dass ihnen Hände und Füße wechselseitig abgehackt werden, oder dass sie aus dem Land verbannt werden. Das ist für sie eine Schande im Diesseits, und im Jenseits gibt es für sie gewaltige Strafe, - außer denjenigen, die bereuen, bevor ihr Macht über sie habt. So wisset, dass Allah Allvergebend und Barmherzig ist. [Koran 5:33-34]